Detlev Six
Freitag, der 11. Juni 2010

Positionierung in der Wissenschaft: Paradigmenwechsel.

Waschmittel oder Wissenschaft.
Beides sind Märkte.
Weil sie wie Märkte funktionieren.

In der Wissenschaft dominieren Marktinteressen
zunehmend das Erkenntnisinteresse.
Neuestes Beispiel.
Hirnforschung gegen freier Wille.

Erinnern Sie sich noch an die Uniformitarier?
Oder die Katastrophisten?
Nein?
Sie wurden von den Darwinisten vom Markt geschossen.
Der pulverriechende Ausdruck ist mit Bedacht gewählt.

Ein Paradigmenwechsel ist Krieg.

Während die Positionierung in Friedenszeiten sich
durch Spezialisierungen innerhalb eines allgemein
akzeptierten Denkgebäudes auszeichnet, geht es beim
Paradigmenwechsel nicht um die Erweiterung, sondern
um die Vernichtung einer alten Lehrmeinung.

Die offizielle Aussage zur Notwendigkeit eines
Paradigmenwechsels ist die, dass die Widersprüche
im Lauf der Forschung so groß wurden, dass sie
durch das alte Denkgebäude nicht länger mehr
auflösbar sind.

Ein neues Paradigma muss her.

Das treibt die Anhänger des alten Paradigmas auf
die Barrikaden. Sie fürchten um ihre Reputation und
damit um ihre Existenz.

Die Anhänger des neuen Paradigmas erhoffen sich
genau dies, was die Anhänger des alten verlieren,
zu gewinnen.

Die inoffizielle Wahrheit ist also das wirtschaftliche
Argument – das Argument des Marktes.

Derzeit ist dies gut zu beobachten in der Hirnforschung,
die durch ein attraktives Vokabular und faszinierende
Werkzeuge (Scanner aller Art) die Erklärungshoheit
zum menschlichen Denken und seinen Grenzen
übernommen hat.

Metapher der Hirnforscher:
Der Mensch als determinierte Biomaschine.
Beweis:
Gehirnscans.

Metapher des freien Willens:
Der Mensch als gottähnliche Gestaltungskraft.
Beweis:
Schau in dich.

Die erste Metapher liegt voll im Trend des
naturwissenschaftlichen Zeitgeistes.

Die zweite Metapher wirkt plötzlich alt.

Plötzlich?

Die Annahme eines freien Willens wurde bereits
unmittelbar nach der Einführung auf dem Markt
des Wissens mit guten Argumenten angezweifelt.
Der Zweifel und die Gegenargumente sind also
schon Jahrtausende alt.

Auch die Atomtheorie war schon 2300 Jahre alt,
bis sie experimentell bewiesen werden konnte.

Genau dieses Beispiel bezieht sich auf das „plötzlich“.
Den Experimental-Methoden der Hirnforschung trauen
viele einen Durchbruch zu – in dieser uralten Frage des
freien Willens oder nicht. Weil die Methoden völlig neu
sind. Das Vertrauen der Menschen in das eigene Denken,
ist dann besonders groß, wenn sie damit Werkzeuge
erfunden haben (ich will hier nicht behaupten, das dies
den Erfolg der Do-it-yourself-Bewegung und ihrer
Selbstfeierstätten, den Baumärkten ausmachen).

Deshalb flüchten Anhänger und Gegner des freien
Willens aus der Philosophie und der Psychologie
scharenweise aus ihrem angestammten, weichen,
geisteswissenschaftlichen Denken in die vermeintlich
harte Währung der Naturwissenschaft.

Beim nächsten großen Ding wollen sie dabei sein.
Dort, wo sie neue Pfründe vermuten.

Aber ist das Paradigma der Hirnforschung schon so gut
wie die Evolutionstheorie?

Selbst prominente Hirnforscher wie Singer beklagen ein
Theoriedefizit.

Viel Beobachtung, viele Daten, wenig Erklärung.

Es wird also noch dauern, bis die harten Hirnforscher
die weichen Freie-Wille-Denker vom Markt geschossen
haben.

Und ob wir dann mehr, besseres, oder wahreres über
uns wissen, ist fraglich.

Jedes neue Paradigma verspricht dies.

Aber was ist schon die Wahrheit?

„Die Wahrheit ist ein bewegliches Heer von Metaphern“,
meint Nietzsche.

SIX

Wer eine anstrengungslose Zusammenfassung zum
Stand der Diskussion zwischen den Verteidigern des
freien Willens gegen die Angreifer aus der Hirnforschung
haben will, dem empfehle ich:
„Kritik der mörderischen Vernunft“ von Jens Johler.
Spannender Thriller und brilliante Zusammenfassung
in einem.

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3 Kommentare zu “Positionierung in der Wissenschaft: Paradigmenwechsel.”

  1. rd (Freitag, der 11. Juni 2010)

    Geil!

  2. hans-peter kühn (Samstag, der 12. Juni 2010)

    Vielleicht kann man’s auch so formulieren: Ich weiss, dass ich nichts weiss; würde aber doch allzugern etwas wissen, da ich aber nichts weiss, weiss ich auch nicht wie ich das anstellen soll.

    Life is a torture test!!!

    Brilliant gedacht und geschrieben und das alles zum auftakt der WM.

  3. Chris Wood (Sonntag, der 13. Juni 2010)

    OK, the English word „science“ does not exactly mean „Wissenschaft“, but rather „Naturwissenschaft“. I can almost accept this (very vague) criticism of the soft „sciences“, such as economics and sociology. But I despair at the current flight from rationality and science.

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