Im Post „Was will das Volk?“ habe ich diese Entscheidung aus der Sicht der Käufer beschrieben. Die Antwort war – gleich wenig. Jetzt folgt die Sicht der politischen Entscheider.Die Fragestellung der Schlagzeile sagt schon, wie diese heute entscheiden. Sie versuchen die Folgen ihrer Entscheidung vorauszusehen und verpacken die Begründung für ihre Entscheidung in Argumente, die möglichst attraktiv und vermeintlich objektiv sind. Lassen Sie uns einige dieser Argumente anschauen.

Das Wertschöpfungsargument
(angeblich hängen an jedem Arbeitsplatz von Opel 38,5 andere Arbeitsplätze, an einem von Karstadt 0,5)

Das moralische Argument
(Arbeitsplätze sind das höchste Gut einer Gesellschaft)

Das Wahlargument
(in Verbindung mit dem moralischen Argument präsentieren sich Politiker als die Gralshüter des höchsten Gutes)

Das industrielle Argument
(industrielle Arbeitsplätze sind besser als Dienstleistungsarbeitsplätze, oder sollen wir uns zukünftig alle gegenseitig die Haare schneiden)

Das feministische Argument
(die männlichen Arbeitsplätze der Opelianer werden wieder mal den weiblichen Arbeitsplätzen der Karstadtianerinnen vorgezogen)

Das Innenstadtargument
(die Innenstadt verödet schlimmer, wenn einem die leeren Fensterhöhlen der Karstadthäuser anglotzen, als die drei leeren Parkplätze von Opelautos)

Es gab einige Argumente mehr, die unter großem Nachdruck auf den Meinungsbildungsmarkt geworfen wurden.

Welches Argument war das Beste?
Hat das beste Argument gewonnen?

Es ist eine alte Mär, dass Argumente wegen der überzeugenderen Fakten, der überlegenen Inhalte, der dialektischen Schlußfolgerung die besten Argumente werden. Selbst Hegel, der deutsche Meister der Dialektik, mußte zugeben, dass es zwischen zwei widerstreitenden Argumenten keine logische Auflösung in Form einer höheren Wahrheit gibt, sondern allerhöchstens spekulatives Erkennen den Widerspruch
auflösen kann.

Was bedeutet das für den Wettstreit unserer Beispielsargumente?

Nehmen wir das Wertschöpfungsargument gegen das moralische Argument. Beide lassen sich vertreten, haben ihre Wahrheitswert.Aber ist eines stärker als das andere und liefert dadurch eine Entscheidung für oder gegen den Opel-oder Karstadtarbeitsplatz?

Nein.

Lassen Sie alle anderen Argumente gegeneinander antreten und sie werden feststellen, dass der sehnsüchtige Wunsch nach Vereinigung der Einzelargumente zu einem großen, überwältigenden, einzigen Argument, dem alle leichten Herzens zustimmen können, einem Argument, das für uns alle gut ist – dass es dieses Argument und eine Entscheidung auf seiner Basis nicht gibt.

Gerade habe ich die utilitaristische Ethik in die Pfanne gehauen. Das ist die Ethik (eigentlich mehr eine Gruppe von Ethiken), die verantwortungsvolles Handeln auf der Basis der Folgeabschätzung entscheiden will. Wenn ich aber eine Entscheidung auf der Basis der Folgen haben möchte, dann brauche ich ein überragendes Argument, das einem überragenden Ziel dient.

Die utilitaristische Ethik ist die moderne, empirische, angesagte Ethik und hat die frühere Mainstream-Ethik der persönlichen Pflicht und Verpflichtung, wie die christliche (Nächstenliebe) oder kantische (kategorischer Imperativ) Ethik, abgelöst.

Wenn die utilitaristische Ethik meist an der Praxis scheitert und die Pflichtethik aus der Mode gekommen ist, was bleibt dann eigentlich?

Die Ethik der Macht.

So wurde auch die Frage entschieden, ob der Opel- oder der Karstadtarbeitsplatz mehr wert ist. Nicht das bessere Argument hat gewonnen, sondern das Argument, das die mächtigsten Vertreter hatte.

SIX

1 Kommentar zu “Was ist mehr wert? Der Arbeitsplatz des Opelarbeiters oder der Arbeitsplatz der Karstadtverkäuferin?”

  1. hans-peter kühn (Donnerstag, der 9. Juli 2009)

    Du scheinst gerade in Hochform zu sein!

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