Ulf D. Posé
Freitag, der 28. November 2008

Gegen die semantischen Verbrechen, für eine neue Redlichkeit

Schon Aristoteles empfahl, Menschen in zwei Kategorien zu unterteilen: in Redliche und Unredliche. Redlich war für ihn derjenige, der noch wusste, worüber er sprach. Das bedeutete, der redliche Mensch sprach von den Dingen selbst, nicht nur von den Gefühlen, die er hatte, wenn er an eine Sache dachte. Der redliche Mensch gibt erst einmal das Wesen einer Sache an, bevor er in Gefühlen schwelgt. Der redliche Mensch unterscheidet Wissen von Meinen.

Beobachten wir heute Menschen in Politik, Wirtschaft, Kultur, erleben wir nicht selten, dass sie sich hemmungslos mit den Abfallprodukten ihrer Großhirnrinde prostituieren. Sie äußern sich zu ihren Gefühlen, und behaupten gleichzeitig von der Sache selbst zu reden. Zur Sache selbst sagen sie aber nichts. Nicht wenige Politiker, Wirtschaftsführer, Kulturpäpste scheinen nach dem Motto zu handeln: „Was stört mich Wissen, wenn ich doch schon eine Meinung habe?“

Wieso ist dies möglich, ohne das es uns genügend bewusst wird? Spätestens seit 1903 George Edward Moore seinen Emotivismus in der Ethik entwickelte, haben wir uns einer Ethik der Neigungen verschrieben. Es ist seit Moore ethisch gut, wenn Menschen sich bei dem was sie tun, gut fühlen. Nicht Wenigen reicht das, anstatt sich zu fragen, ob dass, was sie tun auch gut ist. Dieser emotionale Brei trägt einen Großteil der Verantwortung für die Unredlichkeit im Sprechen und Handeln. Der zweite Aspekt ist der Hang zu einer Gesinnungsethik. Wenn meine Gesinnung eine redliche ist, dann fragen sich viele Menschen nicht mehr, ob sie diese Gesinnung auch an eine entsprechende Handlungskompetenz koppeln. So kommt es zu einer unsäglichen Paarung von gutem Gewissen und Inkompetenz. Ich richte Unheil an und fühle mich auch noch gut dabei. Dann haben wir drittens eine das Gewissen beruhigende Betroffenheitskultur entwickelt. Bei Lichterketten mitzumachen erscheint uns sinnvoller, als etwas konkret zu unternehmen. Manche Menschen rührt das Elend in Afrika mehr, als das Elend nebenan. So leiden wir unter Fernstenliebe; die Nächstenliebe ist auf der Strecke geblieben. Das scheinen mir die grundsätzlichen, generellen Merkmale einer neuen Unredlichkeit zu sein.

Auf der Strecke geblieben sind dabei die Bedeutungen unserer gesellschaftlich wichtigen Begriffe. Ob Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Leistungsprinzip, Freiheit, all diese Begriffe lösen Gefühle aus, die keineswegs durch Kenntnis der tatsächlichen Bedeutungen dieser Wörter gedeckt ist. Die wichtigsten Begriffe unserer Gesellschaft werden so nicht mehr auf ihre semantische, sondern nur noch auf ihre emotionale Bedeutung hin untersucht. Daraus folgen semantische Verbrechen und inkompetente Handlungen, und es fällt kaum noch auf. Lassen Sie mich dies an einigen Wortbeispielen unserer Gesellschaft erläutern.

Politiker sprechen von Freiheit und berauben uns ihrer, indem sie dafür sorgen, dass der Staat immer mehr die Verantwortung für unser Wohlergehen tragen soll. Dass unser Staat dabei pleite geht, stört offensichtlich kaum noch jemanden. Dabei meint Freiheit doch, sein Leben selbstverantwortet und nicht fremdverantwortet führen zu können.

Politiker und Gewerkschaftler fordern Soziale Gerechtigkeit und verkennen, dass Gerechtigkeit der feste Wille ist, einem jeden Menschen sein Recht zukommen zu lassen. Es fällt nicht mehr auf, dass das Adjektiv ‚sozial“, genau diesen festen Willen konterkariert. So entsteht eher „Sozialgesäusel“ statt Soziale Gerechtigkeit. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Professor A.F. Hayek, bezeichnete Adjektive wie »sozial« als weasel-words. Diese haben die Eigenschaft, einen Begriff auszuhöhlen, und ihm eine neue Bestimmung zu geben, die mit dem Substantiv nichts mehr zu tun hat. Soziale Gerechtigkeit ist nach John Rawls ein Prinzip, das das Verhältnis von Grundfreiheiten, sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten, Chancenungleichheiten, sowie der Einschränkung von Grundrechten und Konsumverzicht für die am wenigsten Begünstigten regeln soll. Das Problem bei allem ist: Wie soll die am wenigsten begünstigte Gruppe festgelegt, und nach oben abgegrenzt werden? Und ein Letztes zur semantischen Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit: Bis heute ist es nicht gelungen, soziale Gerechtigkeit verbindlich und zutreffend zu definieren. Jeder benutzt sie sehr emotional für seine Zwecke, und vergisst, dass die soziale Gerechtigkeit eine Erfindung der alten Griechen war, die damit den Neid bekämpfen wollten. Der Kampf misslang, die Methode wurde damals wieder abgeschafft.

Ähnliches wie bei der sozialen Gerechtigkeit erlebe ich bei Verwendung des Wortes Demokratie. Wir halten Demokratie für die beste aller Regierungsformen und verleugnen, dass diese altgriechische Erfindung ‚Demokratie’ schon vom Wort her eine starke Herrschaft des ‚Demos’, also der Oberschicht war und als Regierungsform nur entwickelt wurde, um von einem Herrschaftssystem zu einem anderen überzuleiten. Die alten Griechen lebten in der Überzeugung, man solle ein Volk nicht länger regieren lassen, als unbedingt notwendig. Gleichzeitig verbinden wir heute mit der Demokratie den Liberalismus. Dabei fällt uns anscheinend nicht mehr auf, dass Demokratie und Liberalismus sich gegenseitig ausschließen. Liberalismus will immer so viel Freiheit wie nur irgendwie möglich, und nur so viel Zwang wie unbedingt erforderlich, also notwendig. Demokratie und Liberalismus sind eigentlich zwei verschiedene Dinge. Die Verbindung ist uns aber so selbstverständlich, so lieb geworden, dass wir über die Bedeutung der Wörter nicht mehr nachdenken, uns eine Trennung der beiden nicht mehr vorstellen können. Kritisch betrachtet, ist so manches von dem, was wir als undemokratisch bezeichnen, nur illiberal. Überdies haben wir vergessen, dass sich in einer liberalen Demokratie Freiheit und Gleichheit ausschließen. Das Ganze ist ein Gegensatz. Jede Form von Gleichmacherei beschneidet zugleich auch jede Form von Freiheit. Wir sind nicht gleich. Die Unklarheit über die semantische Bedeutung des Wortes Demokratie führt schlussendlich dazu, dass wir nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, kritisch zu überprüfen, ob in unserer Demokratie auch unsere Verfassung eingehalten wird. Unser Grundgesetz sieht nämlich die Regierung von Parteien nicht vor. Im Grundgesetz steht, ‚Die Parteien sind an der politischen Willensbildung des Volkes beteiligt.’ Von Regieren steht da nichts. So wäre der Fraktionszwang eigentlich verfassungswidrig. Es stört zwar keinen, aber er bleibt verfassungswidrig.

Und dann wundern sich die großen Parteien, wenn das Volk anfängt, sich zu weigern, sie zu wählen. Bevor unsere Politiker über Demokratie sprechen, sollten sie sich wenigstens darüber informieren, was Demokratie ist.

Unsere Wirtschaftskapitäne sind leider nicht besser. Ein Beispiel. Die Wirtschaft kämpft für eine Wirtschaftsordnung, in der das Leistungsprinzip dominieren soll und verkennt, dass das Leistungsprinzip eine idealtypisch sozialistische Entlohnungsmethode ist, die von Karl Marx gefordert und eingeführt wurde, und in der Markt und Nutzen keine Rolle spielen. Das Leistungsprinzip ist eine Entlohnungsmethode, in welcher der Mitarbeiter nach Maßgabe seiner erbrachten Leistungen honoriert wird. Leistung ist entweder das Maß der Erfüllung von Zielvorgaben oder die Menge der Arbeit pro Zeiteinheit. So weit, so klar! Ist aber Leistung tatsächlich die Grundlage unserer Entlohnung? Früher war es ganz einfach: Wer arbeiten wollte, bot seine Arbeit auf dem Arbeitsmarkt an. Arbeit bekam im Verhältnis zu anderen Anbietern einen Marktwert. Diese Arbeit wurde nun von Unternehmern auf dem Arbeitsmarkt eingekauft. Sie taten dies, weil sie sich einen Nutzen von dieser Arbeit versprachen. Arbeit hatte einen Nutzwert. Stieg der Nutzen an, bekam der Arbeiter mehr Lohn, denn er konnte am gestiegenen Nutzen beteiligt werden. Sank der Nutzen, dann wollte der Unternehmer diese Arbeit nicht mehr haben, er entließ den Mitarbeiter. Das Entlohnungsprinzip war das Marktwert-Nutzwert-Prinzip. Auch heute noch ist der vom Unternehmer erwartete Nutzen die entscheidende Größe bei der Kalkulation des Lohns! Es ist also der Nutzen, der über den Wert der Arbeit entscheidet, und nicht die Leistung. Somit ist es zwar hochemotional, jedoch semantisch unsinnig, das Leistungsprinzip als kapitalistische Entlohnungsmethode zu fordern.

Die Beispiele zeigen, es ist dringend an der Zeit, semantische Redlichkeit zu fordern. Sprechen wir endlich wieder von den Dingen selbst, und nicht nur von den Gefühlen, die Wörter in uns auslösen. Es lohnt sich. Sonst müssten wir Bernhard Shaw Recht geben, der einmal sagte: Manche Menschen sind nur bereit für Dinge zu sterben, die ihnen zureichend unklar sind.

UDP

P.S.

Alle Beiträge von UDP sind von Ulf D. Posé.

Das Copyright für diese Beiträge liegt bei:

Ulf D. Posé, freier Dozent für Dialektik und Führungslehre

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