Ulf D. Posé
Donnerstag, der 18. September 2008

Glänzende Geschäfte reichen nicht!

Massenentlassungen trotz hoher Gewinne. Wo Wirtschaft unredlich wird!

Wir sollen uns nicht daran gewöhnen, wenn Vorstandsvorsitzende Stellenabbau und steigende Gewinne in einem Atemzug verkünden. meint unser Autor Ulf D. Posé. Er schaut immer wieder in die Hochglanzbroschüren der Unternehmenswerte und untersucht ihre Leitlinien. Er stellt fest:Theorie und Praxis liegen Lichtjahre auseinander. Immer mehr Menschen werden von Unternehmen nur noch als „human ressource“ betrachtet. Die Logik der sozialen Marktwirtschaft aber lautet anders: Je größer der wirtschaftliche Erfolg, desto mehr kann und muss ein Unternehmen tun, um das soziale Miteinander zu optimieren. Hier das Fazit von Ulf Posé, dem Präsident des Ethikverband der Deutschen Wirtschaft (EVW), einem eingetragenen Verein mit 17.500 Mitgliedern (Stand: März 2008).

Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten: Zu verurteilen ist nicht, dass Unternehmen Gewinne machen oder nach solchen streben. Zu kritisieren ist hingegen, unter welchen Umständen manche Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften. Vor allem dann, wenn sie trotz hoher Gewinne Menschen „freisetzen“. Bei hervorragenden Gewinnen, die weit über den Erwartungen liegen, und Eigenkapitalrenditen, die den Branchendurchschnitt weit übersteigen, gleichzeitig Stellenabbau zu betreiben, ist in höchstem Maße unredlich und zeugt von einer Haltung, die den ökonomischen Erfolg absolut setzt. Überdies noch zu behaupten, dies geschehe zur Sicherung des Unternehmensbestandes, ist genauso unredlich, wenn dieser Bestand de facto gar nicht gefährdet ist.

Nehmen wir ein interessantes Beispiel. Die Allianz AG hat in ihren Leitlinien stehen: „Der Kulturwandel, den die Leadership Values zum Ziel haben, soll eine offene Kommunikation und vertrauensvolle Atmosphäre im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden schaffen.“ Die große Frage ist nun, ob die Allianz mit ihren enormen, weit über den Prognosen und Erwartungen liegenden Gewinnen von rund sechs Milliarden Euro dieser Leitlinie noch folgt, wenn sie gleichzeitig die Freisetzung von 7.500 Mitarbeitern bekannt gibt.

In den Leitlinien der Allianz heißt es auch: „Wir geben unseren Mitarbeitern Feedback und Unterstützung und wir sorgen dafür, dass gute Leistungen auch die entsprechende Anerkennung finden.“ Diese Formulierung wirkt fast wie Hohn, denn die Anerkennung der überdurchschnittlichen Erfolge der Allianz ist „Belohnung“ durch Freisetzung.

Und weiter heißt es bei der Allianz: „Wir investieren in unsere Mitarbeiter. Bei der Auswahl und Entwicklung von talentierten Mitarbeitern setzen wir hohe Maßstäbe. Wir fördern Vielfalt und damit eine Kultur, die unterschiedliche Persönlichkeiten respektiert und schätzt … Wir wollen in allen Belangen ein attraktiver Arbeitgeber sein.“ Zum guten Schluss behauptet die Allianz in ihren Grundsätzen noch: „Unser Erfolg basiert auf gegenseitigem Vertrauen, Fairness, Integrität und einer klaren und offenen Kommunikation. Wir ermutigen unsere Mitarbeiter, innovativ zu sein, Geschäfts- und Verbesserungspotenziale aufzuzeigen, Wissen und Ideen weiterzugeben und sorgen für motivierendes und konstruktives Feedback.“

All das scheint sich mit der konkreten Vorgehensweise nicht zu decken. Die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens hängt nicht davon ab, was ein Unternehmen in seinen Leitlinien behauptet, sondern sie basiert auf der Übereinstimmung zwischen Behauptung und Handlungsweise, zwischen Norm und Wirklichkeit. In einer ARD-Umfrage wurden Menschen befragt, wie sie die Entlassung von 7.500 Mitarbeitern bei der Allianz bewerten. Neun Prozent fanden es phänomenal, weil so die Renditeziele konsequent verfolgt würden. 29 Prozent fanden es normal, weil dies der Lauf der Wirtschaft sei. 62 Prozent hingegen waren empört. Für sie gab es keine Rechtfertigung der vorgesehenen Massenentlassung.

Fazit: Wirtschaft verkommt dann zum niederen Kapitalismus, wenn die Praxis nicht mit der Ethik von Leitlinien und Führungsgrundsätzen verträglich gehalten wird.

Unser zweites Beispiel ist der Energiekonzern BP. Das Unternehmen ist in die Schlagzeilen geraten, weil eine Ölpipeline geplatzt war und mehr als eine Million Liter Öl ausgelaufen waren. Mit der Folge, dass die Pipeline stillgelegt und auf rund 16 Meilen erneuert werden musste. Die Börse reagierte mit Kurssteigerungen. Die Überprüfung der Pipeline erfolgte übrigens erst auf Druck der amerikanischen Behörden. Geprüft wurde die Pipeline seit 1992 nicht mehr. Die Ölindustrie hat jedoch eine monatliche Prüfung zum Standard erklärt. Interessant ist, warum BP die Leitung nicht mehr überprüft hatte. Die Pipeline soll bereits vor 14 Jahren durch Ablagerungen so verschlammt gewesen sein, dass der Prüfroboter nicht mehr vorwärtsgekommen sei.

Was sagen die BP-Leitlinien dazu? „Als einer der großen Energieversorger sehen wir unsere Verantwortung darin, auch bei der Suche nach Lösungen für das Klimaproblem und deren Umsetzungen führend zu sein.“ Und weiter: „Ein gut geführtes Unternehmen sollte wettbewerbsfähig sein, fortschrittlich handeln und Gutes tun. In allem, was wir machen, wollen wir einen konstruktiven Beitrag zum wachsenden Bedarf der Welt nach Energie und Materialien leisten.“ Schließlich noch zwei Bemerkungen: „Als eines der führenden Unternehmen der Welt tragen wir eine Verantwortung, hohe Maßstäbe zu setzen, um ein Unternehmen zu sein und als solches angesehen zu werden, das sich der Integrität verpflichtet hat.“ „Wir schützen die natürliche Umwelt und die Sicherheit der Gemeinden, in denen wir tätig sind, und garantieren die Gesundheit, Sicherheit und den Schutz unserer Menschen.“

Was lernen wir daraus? Wirtschaftlicher Erfolg muss mit einem sozial verträglichen Miteinander einhergehen. Das ist die Basis der sozialen Marktwirtschaft. Die Logik kann nur lauten: Je größer der wirtschaftliche Erfolg, desto mehr kann und muss ein Unternehmen tun, um soziales Miteinander zu optimieren. Alles andere ist unredlich und verwerflich und ruiniert das Soziale unserer Marktwirtschaft.

Die Globalisierung verleitet derzeit manche Unternehmen, sich unredlich zu verhalten. Nun sollte man die Globalisierung nicht per se verurteilen, sondern sie aufmerksam, nüchtern und kritisch betrachten. Unternehmen sollten einsehen: Die Globalisierung zu benutzen, um trotz aller wirtschaftlichen Erfolge sich gleichzeitig sozial unverträglich zu verhalten, ist in hohem Maße unredlich. Es gibt eine innere Verantwortung für Unternehmen, der sie sich nicht entziehen können, weil sie wertebildend auf das Bewusstsein von Mitarbeitern einwirken. Dadurch wirken sie auf die gesamtgesellschaftliche Struktur mit ein. Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen lässt sich somit nicht von der Verantwortung für Mitarbeiter trennen.

Bei der Deutschen Bank steht in den Leitlinien: „Wir wollen der weltweit führende Anbieter von Finanzlösungen für anspruchsvolle Kunden sein und damit nachhaltig Mehrwert für unsere Aktionäre und Mitarbeiter schaffen.“ Der nachhaltige Wert für Mitarbeiter wurde im letzten Jahr durch die Bekanntgabe der Freisetzung von 6.000 Mitarbeitern ad absurdum geführt. Und das bei einer Eigenkapitalrendite von 28 Prozent. Die Werte der Deutschen Bank sagen unter anderem: „Vertrauen: Unser Handeln ist von Verlässlichkeit, Fairness und Ehrlichkeit geprägt. Teamwork: Die Vielfalt unserer Mitarbeiter und Geschäftsfelder macht uns in der Zusammenarbeit erfolgreich.“

Dass es auch anders geht, beweist die Aussage des Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens, das weltweit etwa 7.000 Mitarbeiter beschäftigt: „Die derzeitigen Botschaften sind mir zu eindeutig auf Gewinnmaximierung orientiert! Ich kenne die Sprüche selbst von unseren Wirtschaftsberatern: Wenn Sie nicht zehn Prozent Eigenkapitalrendite erwirtschaften, sind Sie in wenigen Jahren weg vom Fenster. Wir haben in den letzten 136 Jahren wenige Jahre gehabt, in denen wir Eigenkapitalrenditen von zehn Prozent erwirtschaften konnten! Und dann noch eins: Von unserer Wertschöpfung gehen 95 Prozent (2004) an die Mitarbeiter – und zirka drei Prozent an die Gesellschafter!“

UDP

2 Kommentare zu “Glänzende Geschäfte reichen nicht!”

  1. Matthias Apitz (Freitag, der 19. September 2008)

    Ich glaube, wir brauchen eine ganz andere Gesellschaft, eine die auf Solidarität und Gleichheit basiert und nicht auf Gewinnstreben und -maximierung.

    Matthias

  2. jr (Freitag, der 19. September 2008)

    … unsere Gesellschaft ist einfach nicht mehr sozial. So wie man beim „kleinen Mann“ die Ellenbogenmentalität verurteilt, sind die Unternehmen heutzutage nur noch auf Gewinnmaximierung aus. Ein Unternehmen hat aber auch eine soziale Verantwortung, schliesslich lebt es von der Leistung ihrer Mitarbeiter.

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