Werner Lorbeer
Montag, der 17. August 2009

Desert Tec #000 τέχνη oder ὕβρις

Britzer-muehleSeit 1990 produzieren 4 Windmühlen in Vollerwiek zusammen 2 MWatt Leistung, und das sehr konstant, weil an der Küste ein Tiefdruckgebiet das nächst ablöst und ansonsten ein stetiger Ostwind bläst.

Der erste Gedanke damals war, wie speichern die Holsteiner die Energie, die das Netz nicht aufnehmen kann? Meine Spekulationen kreisten um Pumpspeicherwerke oder  Wasserspaltanlagen. Aber … in Wirklichkeit taten die Windbauern gar nichts dazu um ihren Strom auch verwertbar zu machen!

In der Schule – ich bin Physiklehrer – hat man mit der Argumentation für solche lückenhaften technologischen Konzeptionen einen schweren Stand. Was ist, fragen die Schüler, wenn der Wind nicht weht,wenn die Sonne nicht scheint? Die Alternativen Technologien tappen in eine Glaubwürdigkeitslücke.

„New York, the city that never sleeps“, aber auch Kairo und München schlafen nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass jede Zivilisation heute elektrische Grundlast benötigt. Mit ein bisschen Recherche ist es sicher auch möglich, diese Leistungsgröße beispielsweise für Mitteleuropa zu beziffern. Und mit einigen wenigen Rechnungen hat man, ausgehend von a) der Solarkonstanten S= 1,3 kW/m^2 und b) der Wirkungsgradformel w = (T1-T2)/T1 eine Abschätzung für den Flächenbedarf der Absorber und den Energiespeicherbedarf in GWh.

DesertTec bezeichnet einen neuen Anlauf im Bereich Alternativer Technologie, weil erstmals ein entscheidende Denkfehler der Grünen Industriepolitik beseitigt wird: Es geht nicht darum, Subventionen im Land zu verstreuen und Kapital zu verplempern, sondern darum, der Zivilisation elektrische Grundlastenergie zur Verfügung zu stellen. Was ist neu an DeserTec. Zunächst einmal ist es low-tech, viele Komponenten sind seit der 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt.

MAN entwickelte den Solar-Man produktionsreif, konnte ihn allerdings  nicht vermarkten. Neu ist die Entwicklung einer globalen Sicht, die Überwindung von Grenzen, die ich der Gewöhnung an das globale Denken durch Weltraumfotos und Satellitentechnologien zuschreibe. So dass ein Gedanke „Nutzen wir die Sonne Südspaniens oder gar der Sahara“ nichts unüberwindliches oder absurdes mehr aufzeigt. Neu ist an dem Projekt DesertTec der Wille, durch Energiespeichertechnologien die Solarenergie grundlastfähig zu machen.

„Technisch interessant … Wille“? Das heißt, aus meiner Sicht hat das Projekt eine ethische Dimension, die bisherigen solartechnischen Investitionen im Strombereich völlig fehlt. Die ethische Dimension sehe ich in der Absicht, das Projekt Zivilisation in die Zukunft zu bringen und nicht nur klassische Subventionspolitik zu betreiben.

Als ich typischerweise in den letzten Stunden vor den Ferien mit den Schülern www.desertec.org studierte, fragten sie erstaunt, wozu denn die Energiespeicher nötig seien. Schließlich könne man doch eine ganze Kette von Kraftwerken anlegen und so immer auf der Sonnenseite der Erde produzieren … Och, denkt man sich dann, eigentlich haben sie recht, es ist τέχνη, aber machen müssen sie das selber, ein bisschen Übermut, ὕβρις, ist das schon.

WL

P.S.

Als Bild zum Artikel habe ich die Britzer Windmühle gefunden in Wikipedia bei Windmühle eingebunden.

🙂 Und noch ein wenig Reklame für Wikipedia: Natürlich ist das große Projekt Desertec auch im großen Wikipedia zu finden.

RMD

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