Werner Lorbeer
Donnerstag, der 1. Dezember 2011

Weihnachts-Angriff auf die Phantasie des Kindes

Was denkt der Kasperl? Kinder konnten viele Jahre den Holzkopf denken lassen. Sie konnten fühlen, ob er lacht oder weint, ob er im Kreis dachte oder geradewegs auf dem Weg zur Lösung. Kinder dachten mit ihm empathisch über seine Umgebung auf der Bühne – Räuber, Krokodile, Fahrensmänner, Marktfrauen.

Sein heutiger Fäden-Ziehvater, Klaus Marschall, beschrieb kürzlich in einem Radiointerview mit einfachen Worten die kulturbedingte Änderung des Kinds: „Viele Kinder können der Figur nicht mehr so wie früher innerlich folgen. Sie müssen sofort nach außen hin verarbeiten.“

Das Kind wird inzwischen durch nicht-kommunikative Spiele und Spielzeuge versorgt und überflutet.

Die Mengen-Überflutung auch durch die Medien (face book, video games, email, sms, tv, radio, …) tut das ihre dazu, – geldgierig, wortreich, – ist Ausgangspunkt der neuen Kinder-Volksseuche ADHS und der neuen Pharmamarktchance „Lerndrogen“. In den USA ist man bei 40% aller Schüler, in der BRD wächst die Anzahl der Verschreiber.

Reizüberflutete Bildschirmzusammenhänge, die im Schnellschnitt die sprachliche Phantasie überrennen und nicht zur Entfaltung kommen lassen. Dieselbe Wirkung geht von der Plüschtierarmada aus. Diese können von begabten Kindern vielleicht noch mit Namen versorgt werden, aber sie können nicht mehr wie Pupppen mit Identitäten versorgt werden, damit sie in Rollenspielen inneres Leben erlangen.

In der Schule wird der Erfolg des Angriffs auf das Kind erlebbar. Die Schüler können weithin keinen inneren Dialog mehr führen, der unabdingbar zum Lernprozess gehört. Die Frage oder die Antwort eines Mitschülers können nicht mehr in Bezug zur eigenen Lernwelt gesetzt werden. Es fehlt den Kindern die Einübung in den innneren Dialog und die empathische Dimension des Erfassens des Mitschülers.
Was ist zu tun?

Im Unterricht habe ich mentales Mathematik-Training eingeführt, um die Kinder im Unterricht bei jeder Unterrichtsgelegenheit zum Erlebnis konzentrierten Handelns zu führen. Mathematisches Denken ist ein Denk-Handeln in sich, bei dem Proponent und Opponent kommunikativ interagieren und in deren Dialog der Schüler der kritische Wächter über die Wahrheit der Aussagen ist. Die Welt herum kann für einen oder viele Momente versinken. Social Media und social life ade für etliche Momente der Kontemplation im Unterricht – das muss der werdende Mensch erleben dürfen.

Was können wir Erwachsenen tun, damit an Weihnachts-Reiz-Überflutung nicht zum erfolgreichen Angriff auf das Kind wird? Man sehe sich die in Szene gesetzten Werbe-Kinder an und befrage die eigene Intuition, ob da einziges Kind in einer innigen Situation zu sehen ist. Viel eher sehen wir den Rausch eines selbstentäußerten und extroverse Gesten produzierenden Pseudo-Kindes als Träger einer zugedichteten Konsumrolle.

Halten wir Weihnachten doch dagegen. Reduzieren wir die Media. Reduzieren wir die Geschenke. Reduzieren wir rund um das Kind alles, was gekauft werden kann und zur Vermüllung der Kinderzimmer beiträgt. Entschleunigen wir vieles und schenken dann die gesparte Zeit dem Kind für ein einfaches aber intensives inneres Erleben.

Damit der Holzkopf des Kasperls das Denken und Fühlen nicht verlernt.

wl

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