Werner Lorbeer
Donnerstag, der 10. Februar 2011

Wer will schon wissen, ob er hochbegabt ist?

Hochbegabtenförderung setzt auf Hochbegabtenzüge und Hochbegabtenklassen.

Aber wer, wenn er ein bisschen Grips hat, will denn dann hochbegabt sein? Negatives soziales Labeling von außen ist die regelmäßige Folge. Unangenehme Erwartungshaltungen von wohlmeinenden Erwachsenen – schlimmer noch Eltern – und einer anspruchsvollen Gesellschaft gehen Hand in Hand. Subjektives Missverständnis ist ebenfalls nicht ausgeschlossen: „Ich bin begabt, ich brauche nichts lernen …“

Es ist ein Graus, wie sich aus einer schlecht gemachten Begabtenförderung organisatorische Maleureusen ergeben.

Was ist die Erfahrung einer langjährigen Förderungspraxis?

Hochbegabte fühlen sich sehr wohl in ihren Klassen. Sie sind durch ihre Intelligenz, die in aller Regel auch eine hohe soziale Intelligenz ist, in der Lage ihre Lerngruppen subtil und unauffällig zu unterstützen. Diese Jugendliche nutzen ihre Freizeit in der Regel wunderbar, um zusätzliches zu tun und zwar mit einem unglaublichen Spektrum vom Sozialen zum Künstlerischen zum Wissenschaftlichen und Technischen.

Wer diese Jugendlichen entdecken will oder ihnen gar im humanistischen Sinne Wohl will, sollte nicht zum Psychologen gehen und sie mit dem allgemeinen Intelligenztest vermessen lassen. Viel besser ist es, der Entwicklungsdynamik des Kindes / des Jugendlichen Raum zu geben, zu beobachten und interessante Lern- und Lebensangebote machen.

Bevor das G8 mit seinen überbordenden Stundenzahlen die Landschaft im übertragenen Sinne platt gemacht hat, gab es jahrgangsübergreifende Arbeitsgemeinschaften zu allen Themen, die in der Kreativitätsschatulle der Gymnasiallehrer vorhanden waren. Diese Arbeitsgemeinschaften – Theater, Orchester, Jugend forscht, Robotik, Schulgarten … unerschöpflich – waren die Blumenerde für die Hochbegabten, die häufig über die Verpflichtungen hinaus Zeit und Interessen übrig haben.

Dieser Text ist zunächst aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen entwickelt. Er könnte als Anfang gesehen werden, das Gymnasium zu einer humanen Schule weiter zu entwickeln, in der neben dem Pflichtkorpus Lehrangebote organisiert werden, die der Interessenentwicklung der Jugendlichen entgegenkommt.

Ein Herzstück einer solchen Organisation ist sicher die jahrgangsübergreifende durch Interessen definierte Arbeitsgruppe, in der das sozial positiv konnotiert Interesse alle Begabungen gleichwertig zum Zug kommen lässt.

wl

3 Kommentare zu “Wer will schon wissen, ob er hochbegabt ist?”

  1. Chris Wood (Samstag, der 12. Februar 2011)

    I am no expert on this subject, but this piece seems to me very one-sided. No scientific studies of the ill effects are mentioned, not even anecdotes. Surely talented musicians have had special schooling for ages, and this has often lead to successful and happy carriers. In the chess world, the Polgar sisters seem to have few problems. Mathematicians who have Cambridge or Oxford degrees already at age 16 also seem OK.

  2. rd (Samstag, der 12. Februar 2011)

    Das ist wieder ein schönes Beispiel, wie schwer doch Kommunikation ist. Werner spricht in seinem Artikel von „hochbegabten“ Menschen. Der Leser Chris denkt aber sofort an die „einseitig begabten„, sprich Menschen mit einer einer genialen Befähigung in einer singulären Disziplin.

    Hochbegabt und einseitig begabt sind Begriffe, die völlig Verschiedenes bezeichen. Einseitig und hoch begabt hat nichts miteinander zu tun, auch die Menge der entsprechenden Persönlichkeiten dürften nahe zu disjunkt sein.

    Das Ziel der deutschen Studienstiftung zum Beispiel ist es die Hochbegabten zu fördern, aber eben genau nicht die einseitig begabten.

    Jetzt kann dieses Kommunikationsproblem verschiedene Ursachen haben.

    Entweder hat der Sender (Werner) sich unverständlich ausgedrückt. Das meine ich nicht, im Gegenteil, der Artikel beschreibt sehr präzise das Thema formuliert und unterstreicht seine Aussagen durch Bilder wie „allgemeinen Intelligenztest“ oder Stichworte wie „Theater, Orchester, Jugend forscht, Robotik, Schulgarten“ …

    Oder der Empfänger war nicht bereit oder fähig oder willens, die Botschaft aufzunehmen. Chris als Kommentator denkt aber sofort an die Sondertalente und Spitzenmusiker oder Schachspieler. Er scheint den Artikel nicht gelesen zu haben. Ich vermute dies aber nicht und meine, dass Chris den Artikel sehr wohl gelesen und verstanden hat. Aber sofort – wie in fast allen seinen Kommentaren – die gegenteilige Position besetzt.

    Dafür kann es viele Gründe geben. Zum Beispiel, weil er schon vor der Lektüre alles schon besser wusste. Oder, weil die Argumente so klar sind, dass er sie anerkennen muss, sie ihm aber weh tun.

    Also setzt er sich mit großer Leichtigkeit über eine ganz allgemeine Lebenserfahrung hinweg und leugnet mit heuchlerischer Leichtigkeit, dass „früh spezial geschulte“ (ich würde sagen dressierte) Menschen in der Regel eine „besondere“ und sehr eigenartig sozialisierte Persönlichkeit entwickeln.

    Und belegt dies mit Beispielen wie den Polgar Schwestern, die eben mit Sicherheit keine hochbegabten sondern sehr extrem einseitig begabte Menschen sind. Aber selbst wenn sie hochbegabt wären, wären sie für einen dialektischen Diskurs oder Diskurs nicht geeignet. Sie wären dann nur eine Ausnahme von der Regel – und Ausnahmen sind nicht hilfreich beim Widerlegen einer Regel. Also eine völlig sinnlose Argumentation, die allerdings geeignet ist, dass der unkritische Leser darauf hineinfällt. Der übliche und faule aber oft leider erfolgreiche Trick von Kolumnenschreibern und Politikern.

    Mich hat der Artikel vom Werner so beeindruckt, weil ich mehre hochbegabte und ein paar einseitig begabte Menschen persönlich kenne, die ein Opfer der aufgrund ihrer allgemeinen oder besonderen Begabung erfolgten frühen Dressur sind. Da sind Menschen dabei, die psychisch zu Grunde gerichtet wurden und in tiefer Depression und/oder sehr einseitigem Sozialverhalten geendet sind. Manche davon sind schon tot, weil sie ihr Leben in jungen Jahren beendet haben. Oder sie haben viel Unglück über sich und Menschen in ihrer Umgebung gebracht.

    Werner hat Recht, auch hier sollten wir etwas tun und vor allem jungen Menschen mehr Raum für ihre persönlich Entwicklung geben und ihnen weniger Dressur antun!!!

  3. Chris Wood (Sonntag, der 13. Februar 2011)

    Dear Roland, again you criticise me severely for not reacting properly to the posting, without properly reading my short comment! At the start, I mentioned that I am no expert in this area. In fact, I believe the only „Hochbegabten“ that I know anything about is your blogger Edwin Ederle, who seems fairly satisfied. I criticised just that the posting gives no evidence to support its polemic.
    I gave examples of people who had very special schooling. I did not explain my opinion that one-sided special schooling was probably at least as dangerous as more general special schooling. I assumed that English speaking readers would find this obvious.
    Incidentally, from birth, the Polgar sisters were probably neither specially nor extremely talented. Their parents, both teachers, neither a very strong chess player, taught them chess intensively, partly as an experiment. Presumably they did not think this would damage the daughters. It is interesting that the parents chose perhaps the most male-dominated intellectual activity of all! Only one of the three has remained a professional player.
    Incidentally, your criticism illustrates an unfortunate aspect of German language usage, namely that words are used as technical jargon even in writings for general readership. How many people in Germany would realise that Mozart could not be regarded as „hochbegabt“; perhaps 10%? Through adoption of English as a world-language, we have learnt largely to avoid this.
    Why do you criticise me so severely? Do you think this encourages reading of your blog? Or do you think your authors need to be protected from every disagreement?

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