Diese Geschichte soll Teil unseres biophilen Lesebuchs werden.
Das Biophilie-Prinzip kann man so definieren:
„Handle und entscheide so, dass du durch dein Handeln und Entscheiden eigenes und fremdes Leben eher mehrst als minderst.“
Das ist wohlbeschrieben. Es klingt gut, weil es an Kant erinnert. Jedes Wort ist klug formuliert und wohl abgewogen.
Nur, was fühlen sie, wenn Sie diesen Satz laut vorlesen? Sind Sie dann beglückt, beschwingt oder fühlen Sie sich genauso wie immer? Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt Kaffeepause machen? Können Sie dann den einfachen Satz des Biophilie-Prinzips in zwei Stunden immer noch fehlerfrei wiedergeben? Und wenn Sie heute Abend Ihrem Lebenspartner oder Ihrer -partnerin (Ihrer großen Liebe) klar machen, dass Sie sie lieben und mit ihr ein „biophiles“ Leben führen wollen? Und dann zitieren Sie Ihrer großen Liebe obigen Satz – werden Sie dann Begeisterung oder eher eine skeptische Antwort bekommen?
Kann es es sein, dass wir uns dem Biophilie-Prinzip eher anders nähern müssen? Wie es ein moderner Manager tut, der kreative Werkzeuge nutzt?
Ich erinnere mich an meine Zeit als Unternehmer. Als „Manager“ wollte ich meine Mitarbeiter dazu bringen, kreativ zu sein und „innovative“ Lösungen zu finden. (Vorsicht: „Innovation“ bedeutet immer „kreative“ Zerstörung. Und Zerstörung mögen viele Menschen gar nicht).
Zu diesem Zwecke habe ich viel ausprobiert. Unter anderen auch die von Rupert Lay gelehrte Technik der dialektischen Fahnenbildung. Diese beruht auf der Kunst der Dialektik. Damit feierten die von mir begleiteten Teams überraschende Erfolge, meistens gingen wir mit großer Klarheit aus unseren Meetings raus und waren dann besser – selbst als die oft wesentlich stärkere Konkurrenz.
Die Fahnenbildung war uralt und wurde schon in der Antike erfolgreich genutzt. Man brauchte nur ein Flip-Chart und funktionierende Stifte. Aber wir nutzen auch moderne Methoden wie Lego Serious Play (LSR). Allerdings brauchte man für LSR auch noch eine große (und teuere) Schachtel mit gut sortierten Lego-Steinen.
Mit LSR gelang es jedoch, die Kommunikation in schwierigen Situation gewaltig zu verbessern und Problemlösungen rasant zu beschleunigen.
Ich erinnere mich, wie mir in einem LSR-Workshop die Aufgabe gestellt wurde, meinen drei Tischnachbarn zu erklären, mit welcher persönlicher Strategie ich komplexen Herausforderungen begegnen würde.
Ich sass ratlos vor einem großen Haufen von Lego-Bausteinen und wußte nicht weiter. Bis Ky (der Moderator) zu mir kam und sagte: „Roland, schalte Deinen Verstand aus und lass Deine Hände einfach mal machen“! Dann ging es los und keine 20 Minuten später konnte ich meinen 3 Tischgefährten an einem Lego-Modell präzise erklären, wie ich mit komplexen Problemen umgehen würde.
Eines Tages begegnete mir die Biophilie. Ich wollte auch sie verstehen.
Und nutzte dazu die obigen Methoden – Fahnenbildung und LSP. Beide zusammen, beide aber rein virtuell, ohne Flipchart, Stifte und Lego-Bausteine. Nur im Kopf. Zeit hatte ich genug, verbrachte ich doch Ende 2024 und zu Beginn von 2025 viele einsame Nächte in Krankenhäusern. Und ich stellte mir die Aufgabe, einen „biophilen“ Tisch zu bauen. Einen soliden Esstisch, an dem man sich zusammen setzen kann. Alles nur in meiner Vorstellung. Also virtuell.
Und ich begann mir einen schönen Tisch vorzustellen:
Der sollte aus einer Tischplatte bestehen und auf vier Beinen ruhen. Der erste Schritt war also die richtige Tischplatte zu finden. Und dann die vier Beine.
Ich wollte alles zusammenschrauben und den Tisch in der Küche aufstellen. Um mich dort mit meinen Lieben an den Tisch setzen zu können. Und um dort essen, arbeiten, spielen und gemeinsam nach denken zu können.
DIE TISCHPLATTE
Als Platte habe ich ein ganz besonderes Material gewählt. Die Tischplatte besteht aus LEBEN. Aus dem Leben, das wir lieben und nach dem wir uns sehnen. Dem Leben, an dem wir so hängen. Dem Leben, dem wir gerne einen Sinn geben möchten. Dem Leben, wegen dem ich im letzten halben Jahr Wochen in den Krankenhäusern Kalamatas und Münchens verbrachte, nur damit es mich nicht verlassen sollte.
DAS ERSTE BEIN
Als erstes Bein suchte ich mir FRIEDEN aus. Auf englisch PEACE genannt. FRIEDEN war meine erste Wahl. Denn die wichtigste Aufgabe ist es, uns und unsere Lieben zu ernähren. Und auch der Weizen wächst in Friedenszeiten besser als wenn Krieg herrscht. Wie sich dann auch die redliche Wirtschaft und der Wohlstand besser entwickeln können.
FRIEDEN ist die Voraussetzung für alles, wir brauchen ihn wie die Luft zum Atmen. KRIEG dagegen bringt TOD, ZERSTÖRUNG und NOT. Man opfert den Wohlstand für Waffen, die Vernichtung industrialisieren. Folgen und Ursachen des Krieges sind der HASS und die HETZE.
Mit FRIEDEN haben wir zwar erst ein Bein, aber wir haben viel erreicht.
Viel mehr muss ich zu Frieden wohl nicht sagen.
DAS ZWEITE BEIN
Als zweites Bein entschied ich mich für die LIEBE. Auf englisch LOVE genannt.
Die Liebe ist etwas all umfassendes. Liebe umfaßt die ganze Schöpfung. Also alles, was existiert. Sie beinhaltet alles, seien es Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen) oder Materie (Landschaften, Kristalle, Formen …).
Liebe beseelt die Welt. Und vertreibt die Gewalt. Und stärkt die Achtsamkeit. Denn Liebe bewirkt den Respekt vor dem Leben und der Schöpfung. Man darf (und muss) auch sich selbst lieben. Den Anderen liebt man seiner Selbst willen und wünscht ihm, dass er sich so entfalten möge, wie er es sich wünscht.
Wichtige Folge der Liebe sind neben Achtsamkeit und Respekt die Bodenständigkeit und eine schöne Form von Demut. So ist die Liebe so etwas wie die „halbe Miete“ für unseren Tisch.
Jetzt haben wir schon zwei Beine. Mit denen kann der Tisch zwar noch nicht stehen. Aber Frieden und Liebe sind eine gute Voraussetzung für Vieles. Und FRIEDEN und LIEBE können verhindern, dass häßliche Dämonen von uns Besitz ergreifen. Haß, Neid und Missgunst werden an diesem Tisch keinen Platz finden.
DAS DRITTE BEIN
Als drittes Bein suchte ich mir die FREIHEIT aus. Auf englisch FREEDOM genannt. FREIHEIT ist ein flüchtiges Gut. Man darf und kann sie nicht einsperren. Aber auf der Basis von Frieden und in Liebe kann die Freiheit so richtig gut gedeihen.
Was kann man sich mehr wünschen, als in Frieden, voller Liebe und FREI zu leben? Wenn uns das gelingt, ist das Glück schon sehr nahe!
DAS VIERTE BEIN
Eines habe ich bisher vernachlässigt:
Wir Menschen sind keine Einzelgänger. Sondern soziale Wesen. Wir leben immer in sozialen Gemeinschaften und bilden kleine und große Rudel. Die Formen können Ehen, Familien, Kommunen, Teams, Gruppen oder größere Gemeinschaften wie regionale oder politische Gebilde sein. Wir haben dazu viele Rituale geschaffen und Kultur und Zivilisation entwickelt. Unsere soziale Kreativität ging so weit, dass wir sogar eigene Sprachen, Erklärmodelle und Religionen kreiert haben.
Wir können uns sogar die ganze Welt als eine einzige große und diverse Gemeinschaft vorstellen. Was für eine schöne Utopie, dass sich alle Menschen im Frieden durch Liebe und in Freiheit vereinen und gemeinsam für ihrer weitere Existenz arbeiten, an Stelle sich in einem sinnlosen Verteilungskampf gegenseitig zu bekämpfen und umzubringen.
Utopien fallen leider nicht vom Himmel. Man muss sie organisieren und realisieren. Es ist schwer vorstellbar, dass die Anarchie in der Lage ist, die menschliche Ambivalenz zu lösen.
Deshalb habe ich als viertes Tischbein die DEMOKRATIE ausgewählt. Die Demokratie steht für Freiheit und ist ein genauso flüchtiges Gut. DEMOKRATIE kann uns helfen, sinnvoll zu regieren und zu administrieren. Aber wir müssen uns gegen weitere DÄMONEN wehren. Ich führe da nur Eigennutz-Priorisierung, Machtstreben und Egoismus auf.
Ich meine eine Demokratie, die nicht von Klugscheißern, Besserwissern, Rechthabern und Kleingeistern durch nie endende Diskussionen um „des Kaisers Bart“ getrieben wird, eine Demokratie, die auf unterirdische Wahlkämpfe und stupide Stimmen-Arithmetik verzichten kann. Eine Demokratie, die ihre Werte pflegt und feststellt, was der Souverän als mündiger Bürger wirklich und eigentlich will. Das wäre sicher machbar, es gibt viel Verbesserungsbedarf. Demokratie kann uns dann Gleichheit und Brüderlichkeit bringen.
Und: Vielleicht entwickelt sich die ideale Demokratie letztendlich zu einer schönen Art von Anarchie? Denn Leben ist letzten Endes doch etwas Anarchisches.
TISCHREGEL
Mein Tisch ist fertig. Es besteht aus dem Leben und hat vier Säulen: FRIEDEN, LIEBE, FREIHEIT und DEMOKRATIE. Er ist ein schöner Tisch geworden, der an alte „Hippie-Zeiten“ vor der „Zeitenwende“ erinnert . Da, wo wir noch „put some flowers in your hair“, „all you need is love“ oder einfach nur „freedom!“ gesungen und von der großen und endlosen Liebe geträumt haben.
Das ist lange her.
Eine wichtige Regel gibt es noch:
Wir müssen uns von den Göttern der Neuzeit schützen. Unsere Gesellschaft hat in der Aufklärung die alten Götter wie in einem Bildersturm abgeschafft. An deren Stelle wurde neue Götter etabliert. Ihre Namen sind: GELD, WACHSTUM, TECHNIK und FORTSCHRITT und WISSENSCHAFT. So versachlichen wir die unsere Probleme (vermeintlich lässt sich ja ALLES mit Geld, Technik und Wissenschaft lösen) – und nur zu oft gerät dabei der „personale Mensch“ unter die Räder. Die MENSCHLICHKEIT geht verloren. Und wir wundern uns, dass wir trotz großer Opfer keines unserer vielen Probleme lösen können.
Das soll und darf an meinem „biophilen Tisch“ nicht passieren!
RMD